In den letzten Monaten hat sich in Europa eine Debatte entwickelt, die weit über den technischen Bereich des Migrationsrechts hinausgeht. Ausgelöst wurde sie durch eine politische Initiative Italiens und Dänemarks, der sich mehrere weitere europäische Staaten angeschlossen haben. Ziel dieser Initiative ist es, die derzeitige Anwendung von Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention, der den Schutz des Privat- und Familienlebens garantiert, kritisch zu hinterfragen – insbesondere in Fällen der Abschiebung von Ausländern, die schwere Straftaten begangen haben.
Zunächst ist eine Klarstellung notwendig. Es handelt sich weder um eine formelle Änderung der EMRK noch um eine Abkehr vom europäischen Menschenrechtsschutz. Vielmehr geht es um ein politisches Signal an das bestehende System, insbesondere an die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, mit der Aufforderung, das Gleichgewicht zwischen individuellen Rechten und öffentlicher Sicherheit neu zu justieren.
Der Kern des Problems liegt in der Entwicklung der Rechtsprechung zu Artikel 8 EMRK. Ursprünglich als Schutzinstrument gegen willkürliche staatliche Eingriffe konzipiert, wird das Recht auf Privat- und Familienleben zunehmend als nahezu automatisches Abschiebungshindernis verstanden. Familiäre Bindungen und soziale Verwurzelung erhalten in der Praxis häufig ein entscheidendes Gewicht, selbst dann, wenn sie mit gravierendem und wiederholtem strafbarem Verhalten einhergehen. Für viele Staaten führt diese Entwicklung zu einem strukturellen Spannungsverhältnis zwischen rechtlicher Zuständigkeit und tatsächlicher Durchsetzbarkeit migrationsrechtlicher Entscheidungen.
Italien und Dänemark stellen nicht den Schutz des Familienlebens als solchen infrage. Kritisiert wird vielmehr seine Anwendung losgelöst von einer konkreten Bewertung der individuellen Verantwortlichkeit und Gefährlichkeit. Die Initiative zielt darauf ab, den Gedanken der Verhältnismäßigkeit wieder in den Mittelpunkt zu rücken und den Menschenrechtsschutz vor einer Erosion seiner gesellschaftlichen Akzeptanz zu bewahren.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die italienische Erfahrung besondere Bedeutung. In Italien wird der Schutz grundrechtlicher Positionen, die mit dem Privat- und Familienleben zusammenhängen, weitgehend über ein spezifisches Institut des Ausländerrechts gewährleistet, den sogenannten komplementären Schutz. Dieser Schutzmechanismus unterscheidet sich grundlegend von einer abstrakten Anwendung des Artikels 8 EMRK.
Der italienische Richter ist verpflichtet, im Einzelfall zu prüfen, ob eine Rückführung eine schwerwiegende Verletzung grundlegender Rechte zur Folge hätte. Diese Prüfung erfolgt jedoch stets unter Einbeziehung des persönlichen Verhaltens des Betroffenen. Die Frage der sozialen Gefährlichkeit wird weder vermutet noch ausgeblendet, sondern konkret bewertet. Familiäre Bindungen entfalten keine automatische Sperrwirkung, sondern werden im Rahmen einer Gesamtwürdigung berücksichtigt, in der Integration als substanzielle, nicht bloß formale Größe verstanden wird.
Dieses Modell ermöglicht es, Grundrechte effektiv zu schützen, ohne sie in ein Instrument faktischer Straffreiheit zu verwandeln. Es schafft einen Raum, in dem Rechte und Pflichten miteinander verbunden bleiben und staatliche Handlungsfähigkeit nicht systematisch untergraben wird.
In diesem Licht erscheint die Forderung, den Anwendungsbereich des Artikels 8 EMRK klarer zu begrenzen, rechtlich nachvollziehbar. Eine solche Begrenzung sollte jedoch nicht durch abstrakte Einschränkungen erfolgen, sondern durch eine funktionale Neuverortung des Schutzes. Die Wahrung des Privat- und Familienlebens sollte innerhalb strukturierter nationaler Verfahren erfolgen, die – wie der italienische komplementäre Schutz – eine individuelle, verantwortungsbezogene Abwägung ermöglichen und zugleich europaweit harmonisiert werden können.
Eine solche Entwicklung würde die Rolle der nationalen Gerichte stärken und den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte von einer permanenten ex-post-Korrekturfunktion entlasten. Zugleich bliebe der menschenrechtliche Mindeststandard gewahrt, ohne die öffentliche Sicherheit zu marginalisieren.
An diesem Punkt setzt das Konzept der ReImmigration an. ReImmigration bedeutet keine Ablehnung von Integration, sondern deren rechtliche Vollendung. Integration ist kein einseitiges Versprechen, sondern ein rechtlich-sozialer Vertrag. Wird dieser Vertrag durch schwerwiegende und anhaltende Regelverstöße gebrochen, verliert auch das Recht auf dauerhaften Aufenthalt seine Grundlage.
Der komplementäre Schutz wird damit zum zentralen Ort dieser Bewertung. Er ermöglicht es, Schutz dort zu gewähren, wo er gerechtfertigt ist, und Rückkehr dort zuzulassen, wo die Grundlagen des Zusammenlebens nachhaltig verletzt wurden. Für das deutsche Publikum ist diese Debatte keineswegs fremd. Sie berührt Grundfragen des Verhältnisses von Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit und migrationspolitischer Steuerungsfähigkeit.
Das italienische Modell zeigt, dass diese Elemente nicht im Widerspruch zueinander stehen müssen. Die Initiative Italiens und Dänemarks ist daher weniger als Rückschritt im Menschenrechtsschutz zu verstehen, sondern als Einladung zu einer reiferen, verantwortungsbewussteren europäischen Auslegung der Grundrechte. Genau in diesem Spannungsfeld positioniert sich die ReImmigration als notwendiges ordnungspolitisches und rechtliches Korrektiv.
Avv. Fabio Loscerbo

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